Text



Zufallstext:

Träume eines Freizeitcowboys

Träume eines Freizeitcowboys

Ein doch schon etwas eigenartiger Typ, etwa 180 cm groß und bestimmt 150 kg schwer. Jeden Abend steht er hier an der Theke und trinkt Mineralwasser, an manchen Tagen auch Bier. Immer trägt er eine Lederweste, Jeans und einen dieser großen Cowboyhüte. Hals und Brust zieren eine mächtig dicke Kette mit einem Medaillon. Seine Finger sind mit protzigen Ringen geschmückt. Was mir besonders auffällt, sind seine schwarzen Fingernägel, als hätte er gerade mit bloßen Händen eine Leiche verbuddelt. Nur noch mehr ins Auge sticht sein riesiger, geschwungener Schnurrbart, dessen Spitzen fast bis zu den Augen reichen. Er sitzt immer alleine hier und, meistens auf dem gleichen Platz. Das ganze Geschehen um ihn herum scheint ihn nicht zu interessieren. Seine Nase ist tief in einen Westernroman versenkt. Nur ab und zu wandert sein Blick die Theke entlang, als würde er jemanden erwarten.
"Na, heute Abend ist wieder Mineralwasser an der Reihe?", frage ich ihn. "Ja, mein Gaul steht draußen, und der mag es nun mal ganz und gar nicht, wenn ich Alkohol trinke." "Dein Gaul?" "Ein 69er Ford Mustang, ich nenne ihn liebevoll meinen Gaul." "Ach so!", sage ich "ich dachte schon, du hättest ein Pferd vor der Kneipe stehen. - Scheinst ja ein Westernfreak zu sein!" "Westerfreak? Ja, ich beschäftige mich schon seit meiner Jugend mit allem, was mit dem Wilden Westen zu tun hat. Zu meinem dreizehnten Geburtstag bekam ich ein Buch mit dem Titel "Der Wilde Westen wie er wirklich war" geschenkt, und seit dieser Zeit fesselt mich dieses Thema. Manchmal, wenn ich in einen dieser Westernromane vertieft bin, fühle ich mich so in diese Geschichten hineinversetzt, als ob ich selbst dabei wäre." "Das kann ich sehr gut nachvollziehen", sage ich, "mir geht`s manchmal auch so, wenn ich ein Buch lese." "Was liest du denn?", will er wissen. "Nun ja, das kommt immer auf meine Stimmung an. Manchmal sind es die wunderschönen Geschichten von Hermann Hesse, besonders die, in der er davon schreibt, schreibt, was für ihn Glück bedeutet. Oder Werke von Thomas Mann, Ingeborg Bachmann und noch so einigen anderen Schriftstellern. Manchmal greife ich mir aber auch einen Comic." "So so", sagt er, "also Hesse und Mann. Steppenwolf, Unterm Rad, Narziss und Goldmund oder das Glasperlenspiel. Buddenbrooks, Tonio Kröger, Der Zauberberg und so weiter." Ich bin erstaunt, dass er alle diese Buchtitel kennt und forsche nach: "Hast du die etwa gelesen?" "Nee, nicht alle, aber einige schon. Meine Eltern waren große Verehrer von Hesse und Mann, und sie diskutierten oft über ihre Bücher. Irgendwann wurde ich neugierig und holte mir Hesses Steppenwolf aus dem Bücherregal. Nach und nach verschlang ich einige Hessewerke und ich muss sagen, sie gefielen mir alle ausgezeichnet. Auch die Werke von Thomas Mann haben bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen." Da hatte ich ja den richtigen Gesprächspartner gefunden. Dieser Westernfreak hatte also Werke meiner Lieblingsschriftsteller gelesen. Da bewahrheitet sich doch wieder einmal dieses uralte Sprichwort: "Du kannst den Menschen nur vor den Kopf gucken." - Hätte das hinter diesem Freizeitcowboy nie vermutet. Da du vorhin Hesses Empfinden für Glück angesprochen hast, muss ich dich doch fragen ob du sein Gedicht "Glück" auch kennst", sagt er plötzlich und schmunzelt. "Jetzt bin ich aber überrascht", entgegne ich, "das ist mein Lieblingsgedicht!" "Das überrascht mich gar nicht", sagt er. Es ist auch meines und bestimmt das mancher anderer. Es hat etwas, das man in den südostasiatischen Philosophien wieder findet, dieses Loslassen usw." "Ja, finde ich auch", stimmte ich ihm zu. Er zeigt das Amulett auf meiner Brust, das mit dem Yin und Yan Zeichen. "Warum trägst du es? Weißt du um seine Bedeutung?" Na klar", sage ich, "ich beschäftige mich schon viele Jahre mit Taoismus und auch mit Buddhismus. Die älteste Idee der chinesischen Philosophie, die in allen Bereichen der Kunst und Wissenschaft vorkommt, ist die Einteilung in Yin und Yang. Yin und Yang entstehen aus dem einen Ursprung und bringen dann ihrerseits die enorme Vielfalt der Erscheinungen, einschließlich des gesamten materiellen Universums, hervor. Um die verschiedenen Ebenen der Schöpfung rückwärts bis zum Ursprung zu durchlaufen, muss ein Mensch Gleichgewicht zwischen Yin und Yang herstellen. Dieses Prinzip gilt jedoch auch für weniger mystische Ziele. Für die Beseitigung von Hindernissen, die dem Glück im Wege stehen, für die Wiederherstellung der Gesundheit und Har- monisierung der familiären Verhältnisse müssen sich Yin und Yang im Gleichgewicht befinden. Die ursprüngliche Bedeutung von Yang lautet: "Banner, die in der Sonne wehen"; Yin heißt "wolkig, bedeckt". Yin und Yang sind die zweithöchsten Kräfte des Universums. Sie sind nicht direkt wahrnehmbar, offenbaren sich jedoch durch ihre Eigenschaften und Manifestationen." "Hast dir schon ne ganze Menge Wissen über diese Philosophien angeeignet. Finde ich gut. Ich habe mich auch mal einige Zeit mit Buddhismus beschäftigt. aber habe es dann wieder sein lassen. Ist mir zu realitätsfremd in der heutigen Zeit". Ich will ihm meine Einstellung zum Buddhismus nicht näher erläutern und will auch niemanden bekehren. Jeder muss seinen Weg selber finden und wenn er zum Glücke führt, dann scheint es ja auch der Richtige zu sein. Nun tritt eine Zeit des Schweigens ein und ich ahne, dass wir nun beide übereinander nachdenken. Er zündet sich eine Zigarillo an, zieht genüsslich daran und beobachtet den ausgeblasenen Qualm, der wie ein kleiner blauer Nebelschleier in der Luft schwebt. Nach einer Weile sagte er: "Ich würde jetzt gerne am East River sitzen, am Lagerfeuer weißt du? Ein wenig Countrymusic, eine Pfanne Bohnen mit Speck und um mich herum eine Herde Longhorns. Bin schon ein kleiner Spinner was?" "Wieso Spinner, jedem das Seine. Es ist doch schön, wenn man Träume hat. "Schön, dass du es so siehst. Nett, dich kennen gelernt zu haben". "Ja, mich freut unsere Begegnung auch. Wir werden uns bestimmt noch öfters hier begegnen und miteinander quatschen. Gesprächsstoff haben wir ja reichlich. "Er grinst und winkt den Kellner herbei. "So, es wird Zeit. Ich bin im Landmaschinenbau tätig und da muss ich morgens immer früh raus. Wünsche dir noch einen schönen Abend." "Den wünsche ich dir auch. Na dann bis zum nächsten Mal..."

29.10.2008 / © Wolfgang Scholmanns
Alle Werke von Wolfgang Scholmanns anzeigen Alle Werke von Wolfgang Scholmanns anzeigen

Homepage von Wolfgang Scholmanns Homepage von Wolfgang Scholmanns

Kommentare zu 'Träume eines Freizeitcowboys' Kommentare zu 'Träume eines Freizeitcowboys'

nach oben



Stil wählen:
Foto-Homepage von Markus:
Oepfelbaum.liÖpfelbaum


User:

Passwort:

Valid XHTML 1.1

Valid CSS!

design & web by
Stefan Oderbolz